Die Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“ – ein kulturhistorisches Denkmal europäischer Wohnkultur

Graf Emanuel von Dillen erhielt im Jahr 1810 von König Friedrich I. von Württemberg Schloss Dätzingen zum Geschenk. Als Dank wollte er dem König im Rahmen der ab 1810 durchgeführten Umbaumaßnahmen, die vom renommierten Architekten Nikolaus Thouret geleitet wurden, ein besonders repräsentatives Gastzimmer einrichten. Zu diesem Zweck erwarb Graf von Dillen 1812 bei der Pariser Manufaktur Jacquemart et Bénard die Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“. Nach umfangreicher Restaurierung ist sie heute wieder im Jagdzimmer des Schlosses an jenem Ort angebracht, für den sie ursprünglich bestimmt war.

Die Panoramatapete besteht aus insgesamt 25 jeweils 55 cm breiten, zusammengeklebten Bahnen, die ihrerseits aus mehreren etwa DIN-A-3-großen handgeschöpften Papierblättern gefertigt sind. An allen Wänden des Raumes angebracht, entsteht ein umlaufendes Panorama. Die Tapete misst insgesamt 14 Meter in der Länge und 265 cm in der Höhe. Sie wurde mit rund 2.000 Holzmodeln in 27 Farben gedruckt und wird oben und unten von Bordüren mit floralem Muster eingefasst.

Dem Betrachter entfaltet sich in fünf aufeinanderfolgenden Episoden die Jagd einer adeligen Gesellschaft. Die Darstellung beginnt mit der Abfahrt der Jagdgesellschaft vor den Parkgittern des Schlosses Compiègne. Die Kutsche der Eingangsszene trägt die Wappen der Königin von Neapel, Caroline Bonaparte, der jüngsten Schwester Napoléon Bonapartes. In einer weiteren Szene hetzen die Jagdhunde den Hirsch über einen Fluss. Mit dessen Erlegung wird das Halali geblasen und die Beute wird gemeinsam mit den begleitenden Damen gefeiert. Eine Bauernfamilie sowie fein gekleidete Spaziergänger verfolgen das Geschehen als unmittelbare Zuschauer. Den Abschluss bildet ein geselliges Fest mit Champagner vor der heimfahrenden Gesellschaft. In dieser Szene findet sich eine der frühesten Darstellungen eines französischen Baguettes.

Das Bildmotiv der Jagd im Park von Schloss Compiègne war in mehrfacher Hinsicht für König Friedrich I. von Württemberg schmeichelhaft. Der König war ein leidenschaftlicher Jäger; Jagdveranstaltungen mit 3.000 bis 4.000 Beteiligten sind für das Jahr 1810 auf Schloss Dätzingen belegt. Zudem besaß Schloss Compiègne für ihn besondere politische Bedeutung: Im Einvernehmen mit Napoleon war Friedrich I. 1806 zum König proklamiert worden und mit dem Vertrag von Compiègne erreichte er 1810 den endgültigen territorialen Umfang seines Königreichs. Innerhalb weniger Jahre hatte er sowohl die Fläche seines Landes als auch die Zahl seiner Untertanen nahezu verdoppelt.

Darüber hinaus galt Schloss Compiègne um 1810 als eine der modernsten und bedeutendsten Schlossanlagen Europas. Napoleon ließ es zu dieser Zeit für seine zukünftige Ehefrau Marie-Louise, die Tochter des österreichischen Kaisers Franz I., neben Versailles und Fontainebleau zu einer der wichtigsten Herrscherresidenzen Frankreichs ausbauen. Der Anspruch, eine dem Zeitgeschmack und dem Rang angemessene Residenz zu schaffen, diente auch als Vorbild für den Umbau von Schloss Dätzingen. Die Verpflichtung des bekannten Architekten Nikolaus von Thouret für den Umbau von Schloss Dätzingen unterstreicht diesen Anspruch.

Die Panoramatapete „La Chasse de Compiègne“ ist ein frühes Zeugnis jener Wanddekorationen, die im 18. Jahrhundert in europäischen Fürstenhäusern aufkamen. Sie wurde nach einem Entwurf des Pariser Künstlers Antoine Charles Horace Vernet gefertigt, einem der erfolgreichsten Maler seiner Zeit. Die Herstellung solcher Panoramatapeten war äußerst aufwendig und kostspielig, so dass sich nur Angehörige des hohen Adels oder des wohlhabenden Großbürgertums ein solches Kunstwerk leisten konnten.

Weltweit sind heute lediglich zwölf Exemplare dieser Tapete bekannt, darunter solche im Victoria and Albert Museum in London, meist jedoch nur fragmentarisch erhalten. Das Dätzinger Exemplar ist das einzige vollständig erhaltene Beispiel am Ort seiner ursprünglichen Anbringung. Die Entstehungszeit lässt sich präzise auf das Jahr 1812 datieren, da sich die Farbe der Jagdröcke im Laufe der Zeit änderte. Die roten Jagdröcke verweisen auf die Phase von Napoleons militärischen Erfolgen zwischen 1812 und 1814. Nach der Niederlage bei Waterloo im Jahr 1815 wurden die Jagdröcke in späteren Ausgaben blau dargestellt. Damit gehört die Dätzinger Tapete zu den frühesten Exemplaren dieser einst berühmten Serie.

Nach dem Tod König Friedrichs I. blieb die Jägerstube weitgehend ungenutzt. Als Schloss Dätzingen 1961 in den Besitz der Gemeinde überging, ließ die letzte Eigentümerin, Adrienne von Bülow, das bewegliche Inventar versteigern. Die Tapete wurde von den Wänden abgenommen und gelangte zusammen mit anderem Mobiliar in das Stadtmuseum Sindelfingen. Dort klebte man einige Bahnen auf eine Trägerplatte und übermalte die Fehlstellen; die übrigen, stark beschädigten Teile wurden zusammengerollt und in Kisten gelagert. Mit dem sogenannten „Dätzinger Zimmer“ erwarb die Gemeinde Grafenau im Jahr 1997 neben Möbeln und Gemälden auch die montierte Tafel sowie die aufgerollten Tapetenbahnen.

Der Förderverein Schloss Dätzingen e.V. übernahm später die Tapetenrollen von der Gemeinde Grafenau mit dem Ziel, sie fachgerecht restaurieren zu lassen. Die Restaurierung erfolgte von 2019 bis 2021 unter der Betreuung des Denkmalamtes durch den auf Tapetenrestaurierung spezialisierten Diplom-Restaurator Thomas Wieck. Die Finanzierung der knapp 100.000 Euro umfassenden Maßnahme wurde durch das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Bonn – unter anderem mit Mitteln der GlücksSpirale –, die Kulturstiftung der Kreissparkasse Böblingen sowie durch großzügige Spenden von einigen Institutionen sowie Vereinsmitgliedern und umfangreiche ehrenamtliche Mitarbeit ermöglicht.

Zur Tapete und deren Bedeutung gibt es den Blog: https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/