Maltesersaal

Bildarchiv Foto Marburg / CbDD / Achim Bunz
Der Maltesersaal in Schloss Dätzingen und seine Ausstattung dokumentieren eine Blütezeit in der Geschichte des Schlosses, das 1733 zur Vierflügelanlage geschlossen und baulich vereinheitlicht wurde. Die baulichen und künstlerischen Veränderungen des Saals stehen in engem Zusammenhang mit der Amtszeit des letzten Komturs Johann Baptist Anton von Flachslanden.

Dem noch jungen Malteserritter Flachslanden gelang im Jahr 1768 ein außergewöhnlich schneller Karrieresprung, als er zum Generalkapitän der Galeerenflotte des Ordens ernannt wurde. Nach seinem Ausscheiden aus diesem Amt im Jahr 1771 erhielt er gemäß Beschluss vom 1. Mai 1773 vom neu gewählten Großmeister Francisco Ximenes de Texada die Komturei Rohrdorf-Dätzingen per gratiam magistralem, also unmittelbar und ohne Beteiligung des Ordensrates. Verhandlungen über die Ausstattung mit den Besitzungen in Dätzingen und Rohrdorf sind bereits für das Jahr 1771 belegt. Sie fanden ihren Niederschlag insbesondere im Umbau des Schlosses in den Jahren 1773/74.

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Blick auf die Hafenstadt Lepanto mit der Galeerenflotte und dem vergoldeten Hauptschiff

Durch den Umbau des Dachstuhls über dem heutigen Maltesersaal wurde die Anlage eines stützenfreien Saals ermöglicht, der den repräsentativen Ansprüchen des neuen Komturs entsprach. Dieses Baudatum fällt mit dem Amtsantritt Flachslandens als Komtur in Dätzingen zusammen, von dem allerdings bekannt ist, dass er sich bis 1781 überwiegend in Heitersheim, dem Sitz des Großpriorats der deutschen Malteser, aufhielt, wo er politische Aufgaben wahrnahm. Sein Engagement für den kurbayerischen Hof unter Kurfürst Carl Theodor, insbesondere im Zusammenhang mit der Neubelebung der Englisch-Bayerischen Zunge des Malteserordens, verschaffte ihm als Vertreter des Großpriors erheblichen Prestigegewinn innerhalb des Ordens.

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Blick auf die Hafenlandschaft mit der Altstadt, der Kathedrale St. Johns und dem Fort St. Elmo

Der gesteigerte politische und soziale Status Flachslandens sowie die seit 1783 erhöhten Einkünfte aus dem Ehrenamt des Turkopoliers (Kommandant der Kavallerie der Englischen Zunge) dürften Anlass für eine zweite Bau- und Ausstattungsphase des Maltesersaals gewesen sein. Diese ist aufgrund eines im Keller datierten Befundes um 1784 anzusetzen. Aus dieser Phase stammen die im Goût grec-Stil gerahmten Veduten. Sie werden von dicht geflochtenen Blattzöpfen bekrönt, die von Schleifen herabhängen.

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Blick von der Terrasse der Herberge der Deutschen Zunge auf der Nordflanke der Halbinsel auf Fort Manoel

Die Wandgestaltung des Maltesersaals dokumentiert somit zwei klar unterscheidbare Bauphasen. Einer ersten Phase sind die vier Supraporten mit Rocaille-Rahmungen zuzuweisen, deren Gemälde die Flotte des Ordens mit Galeeren und Segelschiffen vor den Hafenstädten bedeutender Johanniter- bzw. Maltesersitze zeigen: Akkon, Rhodos, Lepanto und Malta. Diese Darstellungen erinnern an Flachslandens wenige Jahre zuvor beendete Tätigkeit als Generalkapitän der Galeeren. Sie sind stilistisch älter, was sich insbesondere in der gewählten Aufsichtsperspektive zeigt.

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Die Vedute zeigt die Halbinsel mit der Altstadt von der Landseite her

Der zweiten Ausstattungsphase von etwa 1784 sind sechs Veduten mit unterschiedlichen Blickrichtungen auf den Hafen und die Stadt La Valletta auf Malta zuzuordnen, die an den Wänden und Trumeaus des Saals angebracht sind. Die Ikonographie dieser Malta-Veduten verweist programmatisch auf Flachslandens persönlichen und politischen Aufstieg, insbesondere auf das kurz zuvor erlangte Ehrenamt des Turkopoliers sowie auf seine Stellvertreterfunktion des Großpriors der neu gegründeten Englisch-Bayerischen Zunge.

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Blick vom Fort St. Angelo auf südliche Seite der Halbinsel

Für die Dätzinger Veduten wurde bislang ein Zusammenhang mit einem achtteiligen Gemäldezyklus des maltesischen Malers Albert Pullicino festgestellt, der sich heute im Schloss Manneville in Lantheuil bei Caen befindet. Parallelen bestehen sowohl in der Detailtreue der Darstellungen als auch in der Ausführung der Staffagefiguren. Der Historiker Dr. Thomas Freller kam bei seinen Recherchen in den Ordensarchiven auf Malta zu dem Ergebnis, dass als Urheber möglicherweise ein Sprössling einer piemontesischen Adelsfamilie in Frage kommt, dessen Name in den alten Ordenslisten geführt wird: Giorgio Masino di Valperga.

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Die Vedute zeigt die Südflanke des Großen Hafens mit mehreren Hafeneinfahrten, die jeweils mit Forts besetzt sind. In der Mitte erhebt sich das mächtige Fort St. Angelo, das 1565 bei der Belagerung durch die Türken das wichtigste Verteidigungsbollwerk der Ordensritter war, dahinter die Altstadt von Birgu. Links das Fort Riccazoli, rechts das Fort St. Angelo und die Stadt Senglea  

Das an der Nordseite des Saals befindliche Porträt eines Adligen mit Hermelinmantel und den Insignien des pfälzisch-kurfürstlichen Hubertusordens lässt sich weder einem bestimmten Künstler noch eindeutig einer dargestellten Person zuordnen. Möglicherweise handelt es sich um die Zweitverwendung eines ursprünglich anderen etwa schon früher entstandenen Porträts, das übermalt und beschnitten in den Saal integriert wurde. Eine historische Fotografie belegt eine frühere Übermalung des Bildes mit schwarzem Ordensmantel, Malteserkreuz und vermutlich eindeutigeren Insignien, die im Zuge von Restaurierungsarbeiten in den 1960er Jahren entfernt wurde.

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Blick vom Fort Manoel auf die Halbinsel von Nordosten und die deutsche Herberge (mit zweigeschossigen Arkaden)


Zur Ausstattung des Maltesersaals: Seeger, Ulrike: Dätzingen, Malteserschloss (cbdd10048), in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2020, URL: www.deckenmalerei.eu/4197c983-3f96-4e94-9ee5-ea235fb33b4f